AdT: Astrachan – ein Lamento mit barocken und analogen Tönen (10.05.2018)

Historische Abbildung eines grünlichen  Apfels; USDA
Der Astrachan (?); ©USDA

Beginne ich doch mit einem kurzen Lamento:

Ach, ach und ach! Wann gibt es denn mal wieder einen „einfachen“ Apfel?

Und damit genug.

Der heutige Apfel des Tages scheint mir in seiner Abbildung eine Sonderform zu sein, wenn nicht sogar eine erkrankte oder fehlentwickelte Frucht. James Marion Shull, der den Astrachan 1925 in Woodstock, Virginia, gezeichnet hatte, war auf die Wiedergabe von pomologische Erkrankungen spezialisiert.

Es gibt in der Literatur den Roten Astrachan, der aufgrund seiner Farbe schon mal nichts mit unserem Apfel zu tun hat. Und dann den Weißen Astrachan, der schon eher hinkommt. In Deutschland ist dieser recht bekannt, die Abbildungen beim BUND Lemgo sind eine Augenfreude.

Der Apfel stammt, wie sein Name schon vermuten läßt, aus Rußland und fand selbst in Skandinavien Verbreitung. Er wurde als frühester Apfel sehr geschätzt, Eduard Lucas (1816-1882) nennt ihn 1867 noch einen guten Tafel- und sehr guten Wirtschaftsapfel. Um 1930 war der Anbau in Deutschland allerdings schon rückgängig, da andere Sorten deutlich besser waren – z.B. der Weiße Klarapfel.

Die Schale des Weißen Astrachans ist strohweiß, auf der Sonnenseite kann sich eine blassrote Färbung mit karmesinroten Streifen zeigen. Das sehr feine, weiche Fruchtfleisch ist schneeweiß, im Laufe der Reifung sogar glasartig durchscheinend. Weshalb die Sorte im Französischen auch „Pomme de Glace“ genannt wird. Und einen Eisapfel hatten wir hier ja auch schon mal. Der Geschmack des saftigen Apfels ist weinsäuerlich.

Auch auf dem amerikanischen Markt hat sich der Weiße Astrachan nicht durchgesetzt, auch dort wurde er nach 1900 durch bessere Sorten verdrängt. Er kann ab Ende Juli direkt vom Baum gegessen werden, hält dann aber nur bis Ende August. Lagerbar ist der Apfel nicht, weil er dann mehlig wird.

Der Künstler

James Marion Shull (1872–1948) war Botaniker und gehörte wie Royal Charles Steadman, Ellen Isham Schutt (1873–1955), Mary Daisy Arnold (ca. 1873–1955) und Deborah Griscom Passmore (1840–1911) zu den Illustrator*innen beim USDA. In der pomologischen Aquarellsammlung sind über 750 Aquarelle gesammelt. Darunter auch viele mit Erkrankungen, worauf er sich spezialisiert hatte. Daneben machte er sich als Züchter von Schwertlilien einen Namen.

Und sonst:

Woodstock, Virginia hat übrigens nichts mit dem Festival zu tun, das ursprünglich in Woodstock, New York veranstaltet werden sollte, dann aber doch im 76 Kilometer entfernten Bethel, New York, stattfand.

„Unser“ Woodstock wurde aber immerhin 1761 von George Washington gegründet. Und es liegt im Shenandoah County. Was mich in meine analoge Wunderwelt bringt: Eine meiner „Field Notes“-Lieblingsserien ist die Shenandoah, die die Blattfarbe von drei Bäumen zeigt, die im Shenandoah Nationalpark zu finden sind: Sweet Birch (Zucker-Birke), Chestnut Oak (Kastanien-Eiche) und Red Maple (Rot-Ahorn).

Und Astrachan? Das ist nun ein ganz eigenes Feld. Die Stadt an der Wolga wurde zu meiner Überraschung u.a. von Paul Fleming und von Grimmelshausens Simplicissimus erwähnt. Da werde ich wohl mal etwas weiter lesen.

Da wir aber heute mit Christi Himmelfahrt einen christlichen Feiertag haben, sei hier nur schnell ein Detail bei Fleming erwähnt:

„Nur wer mit bestimmten Signalworten der alchemistischen Tradition vertraut war, konnte das eigentliche Motiv erkennen, warum sich Fleming unbedingt der Reise anschließen wollte: mehr über das in Persien vorhandene galenische medizinische Wissen herauszufinden – das mit Reisen nach Spanien oder Sizilien wegen der geistigen Verheerungen durch die Inquisition nicht mehr zu erlangen war, um die daheim grassierenden Infektionskrankheiten Pest und Syphilis bekämpfen zu können (…)“ (Wikipedia)

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© U.S. Department of Agriculture Pomological Watercolor Collection. Rare and Special Collections, National Agricultural Library, Beltsville, MD 20705

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