AdT: Gravensteiner – tl;dr (26.06.2022)

Historische Abbildung von gelblich-rötlichen Äpfel an einem Zweig mit Blättern und ein aufgeschnittenen Apfel; BUND Lemgo
Gravensteiner; © BUND Lemgo

Der heutige Apfel des Tages ist der Gravensteiner, die Abbildung stammt aus der zwischen 1905 bis 1930 erschienenen Loseblattsammlung „Deutschlands Obstsorten“, die immer wieder mit wirklich schönen Illustrationen aufwartet. In Deutschland wurde er viel angebaut, was die zahlreichen Abbildungen in der Obstsortendatenbank des BUND Lemgo belegen.

Während es hier im Blog ja einige Sorten gibt, über die ich kaum etwas herausfinden konnte, ist der Gravensteiner eher aus der Abteilung „tl;dr“ = „Too long; didn’t read“. Was auch kein Wunder ist, denn dieser Zufallssämling ist schon seit mindestens 1669 in Dänemark (wo er „Gråsten“ heißt) und Norddeutschland bekannt. Die Entstehungsgeschichte ist unklar, es gibt unterschiedliche Versionen. Die wohlschmeckende Sorte fand in Europa von Norwegen bis Südtirol, in Kanada und Kalifornien in verschiedenen Spielarten große Verbreitung. Es gibt zahlreiche Synonyme, u.a. Blumencalvill, Ernteapfel, Sabine of the Flemmings und Sommerkönig.

Die Beliebtheit wurde dadurch befördert, daß die Sorte sich in verschiedenen klimatischen Gebieten gut zum Anbau eignet, solange ein feuchter Boden vorhanden ist. Zudem ist es eine frühe Sorte mit einem ausgezeichneten Geschmack, in Hans-Joachim Banniers Apfelbrevier bekommt die Sorte die Bestnote in der Verkostung.

Die großen bis sehr großen Äpfel haben eine kantige, nur wenig runde Form und sind oft nicht sehr gleichmäßig gewachsen.

Die glatte Schale ist schon früh fettig, beim Lagern steigert sich dies stark. Zunächst grünlich bis gelb, wandelt sich die Farbe zu einem kräftigen Gelb, auf der Sonnenseite können sich karmesinrote Punkte und Streifen zeigen. Auch beim längeren Lagern kommt es nicht zum Welken, während der Gravensteiner-typische Duft lange anhält. Allerdings ist die Schale druckempfindlich, was den Apfel in den vergangenen Jahrzehnten als kommerzielle Sorte uninteressant werden ließ.

Das grünlichweiße bis cremefarbige, sehr saftige Fruchtfleisch hat einen sehr würzigen, sortentypischen Geschmack und eine für Sommeräpfel kräftige Süße. Bei längerer Lagerung wird das Fruchtfleisch mürbe.

Der Apfel ist sowohl ein ausgezeichneter Tafelapfel als auch eine vielseitig verwendbare Küchen- und Wirtschaftsfrucht.

Die Pflückzeit geht von Ende August bis Mitte September, die Äpfel reifen nicht gleichzeitig. Leider lösen sie sich durch den kurzen Stiel auch oft vorzeitig vom Ast.

2005 ernannte der Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Fischerei, Hans Christian Schmidt, den Gravensteiner zur Nationalfrucht Dänemarks. Der Apfel bzw. Varianten werden von der Slow-Food-Bewegung in den USA und in Kanada geschätzt.

Wer die Möglichkeit hat, einen Gravensteiner zu probieren, sollte dies unbedingt tun. Leider meldete der Bergische Streuobstwiesenverein (BSOWV) in Remscheid schon 2020 bei den 90 Gravensteiner, die sie haben, einen völligen Ernteausfall, nachdem 2019 bereits eine nur sehr geringe Ernte eingebracht wurde. Auch 2021 gab es im Sortengarten Remscheid kaum eine nennenswerte Ernte, weil das Wetter während der Blüte einfach zu kalt war. 2022 sollte es dort eigentlich besser aussehen, weil andere Sorten sehr gute Ernteergebnisse versprechen, aber leider haben die Gravensteiner weder geblüht noch tragen sie Früchte. Rolf Meyer vom BSOWV hat bisher keine Erklärung gefunden.

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