AdT: Possarts Moskauer Nalivia – Apfel der Kindheit eines Nobelpreisträgers (26.01.2022)

Historische Abbildung zweier grüner und eines aufgeschnittenen Apfels; BUND Lemgo
Possarts Moskauer Nalivia; © BUND Lemgo

Der heutige Apfel des Tages ist Possarts Moskauer Nalivia (und nicht „Mailivia“, wie im Kalender zu lesen), die Abbildung stammt aus dem Deutschen Obstcabinet von Christian Eduard Langethal (1806-1878). Die Abbildungen gefallen mir nicht wirklich, durch die anderen Abbildungen, die in der Obstsortendatenbank versammelt sind, gewinnt der Apfel ungemein. Allerdings sehen die Äpfel fotografiert wirklich nicht attraktiv aus, wie es bei der Arche Noah (PDF) zu sehen ist.

„Nalivia“ ist der ursprüngliche Name dieser aus Russland stammenden Sorte. 1826 soll sie durch einen Justizrat Possart von Russland nach Deutschland gebracht worden sein. Rund 60 Jahre später wurde sie dann unter dem Namen Antonowka vertrieben. Wobei ich die dazu berichtete Entstehung nicht ganz nachvollziehen kann:

Der russische Botaniker und Pflanzenzüchter Iwan Wladimirowitsch Mitschurin (1855-1935) hatte unter anderem erfolgreich versucht, frostresistente Pflanzen zu züchten und soll dabei über 300 neue Sorten geschaffen haben. Den Antonowka soll er 1888 auf den Markt gebracht haben – aber es gab ihn doch schon viel früher als Nalivia? Vielleicht hatte er ihn modifiziert? Auf jeden Fall gab es später sehr viele Varianten der Sorte, und auch zahlreiche Synonyme:

Antonovka, Antenovka, Antoni, Antonifka, Antonovca, Antonovka obiknovennaia, Antonovka obyknovennaya, Antonovka prostaya, Antonovskoe yabloko, Antonowka, Antonowka Zwykla, Antony, Bergamot, Cinnamon, Dukhovoe, German Calville, König der Steppe, Nalivia, Possarts Nalivia, Possarts Moskauer Nalivia, Russischer Gravenstein, Vargul.

Aber jetzt zum Apfel.

Langethal zählt ihn zu den echten Kalvillen und klassiert ihn als Frucht II. Ranges.

Die Äpfel sind 3 1/4 Zoll breit und 3 Zoll hoch, der Bauch sitzt recht mittig, wölbt sich flach um den Stiel, während er am Blütenkelch eher spitz zuläuft.

Die Grundfarbe ist beim Ernten hellgrün, es wandelt sich dann zunehmend zu einem Zitronengelb. Die Sonnenseite wird nur etwas golden, ein Rot gibt es nicht. Die glatte Schale zeigt keine Punkte, aber häufiger Rostflecken. Die Schale welkt nicht, hat aber auch keinen Geruch – diese Kombination tritt ja oft auf. Und wie es sich für Kalvillen gehört, gibt es die typischen Rippen.

Die Kelchhöhle weist häufig Rost auf, der sich sternförmig nach allen Seiten verbreitet.

Das weiße, weiche Fruchtfleisch ist saftvoll und hat einen charakteristischen alantartigen Geschmack, den Langethal zwischen Melonen- und Muskatgeschmack beschreibt. Er gab die Genußreife mit November an, die Äpfel hielten sich bis in den Winter hinein. Andere Quellen nennen die Ernte ab Anfang Oktober möglich, die Haltbarkeit nur bis Ende November, Anfang Dezember.

Die Bäume, die auch heute noch von Baumschulen verkauft werden, bilden eine flache Krone, wachsen lebhaft und bringen auch unter schwierigen klimatischen Bedingungen regelmäßig guten Ertrag. Es ist sowohl ein guter Tafelapfel als auch für die Süßmosterzeugung brauchbar; für Dörrobst ist er nicht geeignet, da er dann braun wird.

Und sonst:

Dieser Abschnitt hat mir wieder viel Spaß gemacht.

Ivan Bunin, der 1933 der erste russische Literaturnobelpreisträger wurde, veröffentlichte um 1900 die frühe Kurzerzählung „Die Antonower Äpfel“ im gleichnamigen Erzählungsband.

Bunin hatte ein, wie er selbst sagte, irrationales Faible für den frühen Herbst – das habe ich immerhin mit ihm gemein. Der Geruch von Antonov-Äpfeln im Garten ließ ihn seinen Hass auf die Zeiten der Leibeigenschaft vergessen, er begann, wenn auch widerwillig, diese Zeiten zu poetisieren. Er imaginierte sich dann als alten Landbesitzer – manchem galt er deshalb als Freund feudaler Strukturen.

Den Text hat er immer wieder bearbeitet; unter anderem ließ er eine längere Ausführung über Schillers Ansicht weg, daß der Duft von Äpfeln gut für die Atmosphäre eines Zimmers sei.* Und ich frage mich, wieviele
Abhandlungen es zu Bunins Äpfeln und Prousts Madeleine gibt.

Die Erzählung ist in der frühen Übersetzung von Georg Polonskij aus dem Jahr online 1903 nachlesbar. 1982 erschien eine Übersetzung von Georg Schwarz im Aufbau-Verlag, die angeblich gravierende Unterschiede im Plot bietet. Und der Dörlemann-Verlag gibt eine umfangreiche Auswahlwerkausgabe seiner Werke heraus, in der bereits 2010 „Am Ursprung der Tage – Frühe Erzählungen 1890–1909“ in der Übersetzung von Dorothea Trottenberg erschien; die Geschichte heißt dort „Antonäpfel“.

Wer noch mehr wissen möchte: Zum 150. Geburtstag Iwan Bunins hat Manfred Orlick einen informantiven Text über ihn bei literaturkritik.de veröffentlicht.

Und eine Triggerwarnung sei hier noch hinzugefügt: Bunin war kein Freund der Russischen Revolution.

………………..
* Ich erinnere mich gern an den kalten Dachboden meiner Großeltern, auf dem im Winter immer viele Äpfel lagerten. Und ganz wundersam war der Schuppen im Garten einer alten Frau, in der auch eine Apfelmiete ihren Platz hatte – der Duft war betörend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.