AdT: Boutigne-Apfel (05.08.2022)

Historische Abbildung eines gelblich-roten Apfels am Zweig sowie ein skizziertes Blatt; Gartenbaubliothek e.V.

Boutigne-Apfel; © Gartenbaublbliothek e.V. (S. 321)

Der heutige Apfel des Tages ist der Boutigne-Apfel (auch Boutigny), die Abbildung stammt aus dem 1887 erschienenen Band 33 der Pomologischen Monatsheften, die 1855 von den Pomologen Eduard Lucas (1816-1882) und Johann Georg Conrad Oberdieck (1794-1880) als „Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau“ (1855-1865) gegründet wurden. Sie hieß später „Illustrierte Monatshefte für Obst- und Weinbau“ (1865-1874), eben „Pomologische Monatshefte“ (1875-1905) und „Deutsche Obstbauzeitung“ (1906-1922).

Diese Monatshefte wurden von zahlreichen Menschen mit Artikeln bestückt. Im Fall des Boutigne-Apfels stammte der Aufsatz vom Baumschulenbesitzer C. R. Peicker aus Hertwigswalde (heute Doboszowice) bei Kamenz (Kamieniec Ząbkowicki).

Er beginnt gleich mit einer – nach heutigen Maßstäben – click-bait-Einleitung:

Beifolgende wohlgelungene Abbildung zeigt eine wertvolle Apfelsorte, die es verdient, aus dem Dunkel ans Licht gebracht und besser bekannt zu werden.

Peicker hatte die Sorte Ende der 1850er Jahre als „Pomme de Boutigne“ in der Baumschule des Grafen Zelinsky in der Nähe von Alt-Arad gesehen. Er erwarb einen Stamm der Sorte für einen neuen Obstgarten der Gräfin von Nostitz auf Schöndorf im Banat (heute Frumușeni).

Der Baum trug bereits im dritten Jahr ein paar vollkommene Früchte, die Peickers Aufmerksamkeit durch ihre Schönheit und den Wohlgeschmack erregten. Als er 1861 nach Hertwigswalde übersiedelte, nahm er die Sorte mit, die dort auch sehr gute Eigenschaften zeigte. Peicker hatte daraufhin nach eigenen Angaben Tausende Stämme abgegeben.

Da er die Sorte in keinem Verzeichnis oder pomologischen Werk fand, schickte er im Winter 1871 einige Früchte und Reiser an Eduard Lucas und bat um nähere Bestimmung der Frucht. Er zitiert aus dem Antwortschreiben vom 2. Februar 1871:

„Die mir gesandten Äpfel sind der Boutigne- oder Boutigny-Apfel, eine aus Frankreich stammende, sehr gute rote Reinette. Ich habe in den Kernobstsorten Württembergs diesen Apfel schon 1855 kurz beschrieben. Der Name Boutique ist aus einem Schreibfehler entstanden.“

1883 beantragte Peicker dann beim Vorstand des Deutschen Pomologen-Vereins, die Sorte mit in den Leitfaden (später „Deutschlands Apfelsorten“) aufzunehmen.

Er hatte auf Obstausstellungen vergeblich nach der Sorte gesucht, bis ihm endlich im Hofgarten Camenz und im Schloßgarten zu Koppitz Früchte einer als Neuheit bezogenen Sorte vorgezeigt wurden, die dort Reinette Imperial hieß, und in denen er den Boutigne-Apfel erkannte.

Bisher ging es in dem Artikel nur darum, wie er die Sorte fand und wie es weiterging. Die Pomologischen Monatshefte waren eben keine strengen Pomologie-Handbücher, sondern spezialisierte Zeitschriften, die sehr unterschiedliche Arten von Artikeln boten.

Das Heft 4 des Jahrgangs, aus dem auch Peickers Beschreibung stammt, bot auf den gut 30 Seiten Beiträge zur Speziellen Pomologie, neben dem Artikel von Peicker auch einen Aufsatz zur „Tauglichkeit der russischen Apfelsorten zum Anbau in Nord-Amerika“ – ein Thema, das im Blog ja auch immer mal wieder auftaucht; weiters Artikel zum praktischen Obstbau, kurze Literatur-Besprechungen, so „Kremers ‚Konservierung der Gemüse und Früchte in Blechdosen. Eine Anleitung zur Verwertung der wertvollsten Erzeugnisse unserer Gärten und Baumgüter'“. Und den auch heute noch aktuellen Beitrag „Ohne Bienen kein Obst [Nachricht aus Australien]“ sowie „Witterungsbericht der Meteorolog. Zweigstation im Pomologischen Institut zu Reutlingen vom März 1887“.*

Und nach einem kurzen Einschub über spätere Funde auf Ausstellungen könnte es endlich mit der Sortenbeschreibung losgehen, aber ach:

„Eine systematische Beschreibung kann ich, weil mir normale Früchte nicht vorliegen, diesmal nicht geben, nur sei bemerkt, dass die Frucht nach Beschaffenheit des Fleisches eher in die Klasse der Rosenäpfel als in die der Reinetten zu gehören scheint.“

Oh! Das ist ja doch etwas mager. Der an- bzw. abschließende Absatz lautet:

„Schließlich sei die Sorte, als ebenso wohlschmeckender wie schöner Tafel- und Markt-Apfel, der bis ins Frühjahr dauert, der sicher auch schönes weißes Produkt als Dörrfrucht liefert, der Beachtung angelegentlichst empfohlen. Der Baum ist bald und sehr reich tragend, wächst pyramidenförmig ohne künstlichen Schnitt, hat sich gegen strenge Kälte stets ganz unempfindlich gezeigt und passt an Strassen ebensogut als in die Formobst-Anlagen.“

Tja.

Zum Ende dankt er seinem Freund, dem Kunstgärtner Böhm vom Schloß Heinrichau, der die Abbildung „nach von jungen Pyramiden im eben abgelaufenen Jahre geernteten Früchten anfertigte, deren Stämme vor 2 Jahren von hier bezogen wurden.“

Also ergötze ich mich an der Abbildung und freue mich auf die demnächst an den Obstständen wieder auftauchenden neuen Äpfel. Denn letztlich gilt: „The proof of the apple is in the eating“ …

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*Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich hier.

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