AdT: Bietigheimer – und ein Bavarian Socialist (28.03.2018)

Historische Abbildung eines zusammengewachsenen gelblich-rötlichen Apfels; USDA
Ein zusammengewachsener Bietigheimer, von Ellen Isham Schutt 1905 in Washington, D.C., entdeckt; ©USDA

Der heutige Apfel des Tages scheint im Kalender ein „Siamesischer Zwilling“ zu sein, Ellen Isham Schutt hat den Bietigheimer, wie hier zu sehen ist, auch nicht aufgeschnitten illustriert.

Die Sorte wurde in Europa erstmals 1598 unter dem Namen „Roter Stettiner“ beschrieben, er hatte allerdings zahlreiche Namen (s.u.). In Württemberg hieß er Roter Bietigheimer, was Bietigheim bei Stuttgart zusammenhängen könnte. Dort gibt es auch den Verein „Bietigheimer Apfelsaft e.V.“, der die Erhaltung der Streuobstwiesen unterstützen will.

Eduard Lucas (1816-1882), der den Apfel im „Illustrierten Handbuch der Obstkunde“ (PDF) beschrieb, berichtete 1875, daß der Baum wegen Krankheitsanfälligkeit in Deutschland immer seltener anzutreffen war. Diese Beobachtung konnte Jakob Gustav Pfau-Schellenberg (1815-1881) für die Schweiz nicht teilen, wie er in seinen „Schweizer Obstsorten“ schrieb.

In die USA kam der Bietigheimer vor 1880, Creighton Lee Calhoun hat ihn in seinem Buch „Old Southern Apples“ beschrieben. Der Apfel ist optisch ansprechend und recht groß, was allerdings auch dazu führen konnte, daß die Früchte vorzeitig vom Baum fielen.

Die glatte, etwas zähe Schale ist blaßgrün, das später ins gelb-grünliche übergeht. Der größte Teil, besonders die Sonnenseite ist glänzend-rot verwaschen, dort mit feinen grau-weißen Punkten versehen. Die Schale welkt nicht, hat allerdings auch keinen Geruch.

Das saftige Fruchtfleisch ist grünlichweiß, ziemlich fest und hat einen angenehmen Süßwein-Geschmack – Lucas spricht allerdings von fehlendem Aroma, Engelbrecht attestiert einen „eigenthümlichen Nebengeschmacke“. Calhoun nennt das Fleisch eher grob und zäh, weshalb er den Bietigheimer in erster Linie als Küchenapfel einstuft.

Der Apfel wird Ende Oktober geerntet, bei guter Lagerung kann er von Dezember bis zum Sommer verwendet werden.

Beim BUND Lemgo gibt es viele schöne Abbildungen des Roten Stettiners, und auch das USDA hat noch weitere Illustrationen zu bieten.

Eine schöne Geschichte gibt es aus Seattle zu berichten: Der aus Kissingen stammende Socialist Andrew (Andreas?) W. Piper (1828-1904 – dessen Lebensgeschichte liest sich in der englischen Wikipedia sehr spannend!), wanderte mit 19 in die USA aus. 1873 kam er mit seiner Frau Minna nach Seattle und hatte dort neben einer Bäckerei und Konditorei (in der er nach einem geheimen Rezept „Piper’s Dream Cake“ herstellte) auch eine Obstplantage, die Piper Orchard.

Nachdem das Große Feuer von Seattle von 1889 ihren Besitz zerstört hatte, zogen sie weiter nach Alaska. Der Obstgarten scheint danach verwildert zu sein.

1983 wurde das Gelände von Freiwilligen, aus denen die „Friends of Piper Orchard“ hervorgingen, wieder freigelegt und 29 „überlebende“ Obstsorten entdeckt – darunter auch ein Bietigheimer! Auf einer Karte des heutigen Obstgartens (PDF) ist auch der Bietigheimer verzeichnet (H13). Das Gelände ist inzwischen Teil des Carkeek Park, seit 2007 gibt es das jährliche „Festival of Fruit“ mit einem Apfelkuchen-Backwettbewerb und der Möglichkeit, historische Apfelsorten zu probieren.

Die Künstlerin:

Ellen Isham Schutt (1873–1955) gehörte wie Mary Daisy Arnold, Deborah Griscom Passmore und Royal Charles Steadman zu den Illustrator*innen beim USDA und arbeitete dort von 1904 bis 1914.

Und sonst:

Weil ich es schon lange nicht mehr gemacht habe, hier mal wieder eine Aufzählung der Synonyme. Die National Fruit Collection hat folgende verzeichnet:

Ada-Apfel, Adam, Annaberger, Bamberger, Beitigheimer, Belle Hervey, Belle-Hervey, Berliner, Berliner Glas, Berliner Glasapfel, Berliner Glossapfel, Berliner Gross Apfel, Bietesheimer, Bietigheimer, Bietigheimer Red, Bietigheimer Roter, Bietigheimer Rouge, Blut Reinette, Blut-Reinette, Bodickheimer, Bodigheimer, Bolzen, Bolzenapfel, Botzen, Braun-Butter, Butter-Apfel, Calviller, Cervene stetinske, d’Adam, d’Annaberg, d’Hiver, de Hardi, de Jardi, de Jardy, de Paradis d’Hiver, de Rostock, de Seigneur d’Hiver, de Seigneur rouge, de Stettin, Eisenapfel, Eisern, Garten, Glas, Guly-Muly, Herren, Herrenapfel, Kack, Kaiserkrone, Kalvaruze, Kohl, Krasnaia scetina, Krasnava shchetina, Krautlander, Kreutlander, Kuchle, Mahler, Malapfel, Maler, Maler Apfel, Maler-Apfel, Malerapfel, Mat, Matapfel, Mela di Stettino Rossa, Mohrenstettiner, Paradies, Paradies Apfel, Podoliskoe krasnoe, Pomme de Fer Vineuse, Pomme Rouge de Stettin, Red Beitigheimer, Red Bietigheimer, Rohwiener, Rosen, Rosenapfel, Rossa di Stettino, Rostocker, Rot Apfel, Rotbacher, Rotbodemer, Rotbolg, Rotbreitling, Rote Reinette, Roter Asbacher, Roter Bamberger, Roter Bietigheimer, Roter Bodigheimer, Roter Calvill, Roter Glas, Roter Hart, Roter Hern Apfel, Roter Herren, Roter Herrnapfel, Roter Kaiser Apfel, Roter Kirsch, Roter Mark, Roter Rostocker, Roter Rubin, Roter Steinhurdlecher, Roter Wein, Roter Wiener, Roter Winter, Roter Zwiebel, Rothapfel, Rothe Hernapfel, Rothe Herrnapfel, Rothe Stettiner, Rother Bietigheimer, Rother Hern, Rother Herren, Rother Herrenapfel, Rother Kaiser, Rother Stettiner, Rother Zwiebel, Rother Zwiebelapfel, Rothvogel, Rotvogel, Rotwiener, Rouge de Stettin, Rubiner, Sauer, Sauerbreitling, Schuller, Schwer, Seiden, Seigneur, Seigneur Rouge, Shchetina, Shchetinka, Shtetin polskii, Shtettinskoe krasnoe, Spater Belichheimer, Spater Calville, Spater Calviller, Stetinske, Stetinske cervene, Stetinskoe Krasnoe, Stettin Rouge, Stettiner, Stettiner Rosenapfel, Stettiner Roter, Stettiner rother, Stettiner Rouge, Stetting Rouge, Strohmer, Stromer, Sztetyna czerwona, Torock-Balint alma, Torok Balint, Tragamoner, Turkischer Weinling, Vejlimek cerveny, Vejlimek chocholaty, Vineuse Rouge, Vineuse Rouge d’Hiver, Wiener-Apfel, Winter Sussapfel, Winter Wollenschlager, Winter-Apfel, Winter-Wollenschlager, Wintersuss, Wittlaboth, Zweibel Apfel, Zweibelapfel, Zwiebel, Zwiebel Apfel, Zwiebelapfel

Somit ist der Apfel auch ein Anwärter auf den Titel des „Meistbenamten“.

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© U.S. Department of Agriculture Pomological Watercolor Collection. Rare and Special Collections, National Agricultural Library, Beltsville, MD 20705

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