AdT: Wagenerapfel – mit „e“ (22.01.2022)

Historische Abbildung eines gelblich-roten Apfels; BUND Lemgo
Der Wagener; © BUND Lemgo

Der heutige Apfel des Tages ist der Wagener-Apfel, die Abbildung stammt aus der „Österreichisch-Ungarischen Pomologie“, die erstmals 1882 vom Pomologen Rudolf Stoll (1847-1913) im Selbstverlag herausgegeben wurde.

Die Sorte gibt es in der Obstsortendatenbank mehrfach zu sehen, ich finde ihn klassisch ansprechend.

Stoll verweist in seiner Beschreibung zunächst auf den US-amerikanischen Pomologen John Aston Warder (1812-1883), der den Apfel auch nachweist. Es sei, so Stoll, eine „vortreffeliche amerikanische Sorte“*, die aus dem Staat New York stamme und dort bereits Mitte des 19. Jahrhunderts mit Preisen ausgezeichnet wurde. Und dennoch wird sie eben auch von deutschen Pomologen beschrieben.**

Johann Georg Conrad Oberdieck (1794-1880) nennt sie in seinem „Illustrierten Handbuch der Obstkunde“ (PDF) eine neuere amerikanische Sorte, die auch in Deutschland guten Ertrag bringen könne, und empfiehlt den Anbau.

Der Wagener, der zu den Rosen-Äpfeln gehört, ähnelt dem Danziger Kantapfel. Er ist eine mittelgrosse Frucht, die an beiden Enden abgeflacht, auf der Kelchseite deutlich platter ist. Er weist zudem leichte Erhabenheiten auf, die auf der Abbildung gut zu sehen sind.

Der mittellange, dünne Stiel, der hier nicht zu sehen ist, ragt meist über die Stielhöhle hervor, ist holzig und sitzt in einer tiefen, geräumigen und fein berosteten Stielhöhle.

Die feine, geschmeidige Schale ist zeitweise fast fettig, hat eine helle zitronengelbe Grundfarbe, die aber meist kaum zu sehen ist: sie wird in der Reife von einem angenehmen Rot überzogen. Beschattete Früchte können undeutliche, verwaschene
Streifen zeigen. Es gibt fein zerstreute Punkte, die auf dem Rot gut zu sehen sind; Rostfiguren kommen dagegen selten vor.

Das gelbliche, feine Fruchtfleisch ist saftig und hat einen stark gewürzten, vorzüglichen Geschmack. Oberdieck nennt zudem eine schwache Zimtnote, deutlichen Zucker und eine feine milde Säure.

Der Wagener reift Mitte November und läßt sich gut bis in den März lagern, ohne zu faulen. Der Baum wächst kräftig, bildet eine breit pyramidenförmige Krone, ist unempfindlich.

In Deutschland wird der Baum noch angeboten, und in den USA gibt es ihn auch noch: Adam hat in seinem Blog eine sehr positive Besprechung.

Und sonst:

Ich hatte beim flüchtigen Anschauen des Kalenderblattes gedacht: „Klar, Wagnerapfel, hatte ich schon.“ Dann fiel mir das zweite „e“ auf. Und schon wurde ich wieder an den Roman „Anton Voyls Fortgang“ (im Original „La Disparition“) des großartigen Georges Perec (1936-1982) erinnert. In dem, bei diaphanes neu aufgelegten, immerhin über 400-seitigen Buch hat Perec alle Worte mit einem „e“ vermieden. Für den kongenialen Übersetzer Eugen Helmlé keine leichte Aufgabe. Im Nachwort schrieb er: „… dabei hat der Übersetzer nicht nur einen Kiesel im Mund, sondern gleich einen ganzen Pflasterstein.“

Bei Arte kann bis zum 10.09.2023 noch die 15minütige Reportage „Belleville: Georges Perecs wiedergefundene Zeit“ geschaut werden.

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* In diesem Blog wurde der Wagener bereits als ein Eltern-Apfel für den Northern Spy, den Ontario und den Allgold genannt.

** In der Wikipedia wurde die Entstehung des Wagenerapfels nicht abschließend diskutiert.

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